Hebammenkreißsaal kurz zusammengefasst

Hebammenkreißsaal kurz zusammengefasst

In den letzten Jahren ist das Konzept des Hebammenkreißsaals (HKS) entstanden. Es hat viel Aufwind gewonnen und wird momentan in vielen Kliniken eingeführt oder bereits umgesetzt. Was das genau bedeutet, birgt für manche Hebammen und viele Frauen Ungewissheiten. In diesem Blogbeitrag erklären wir daher das Konzept, und geben einen Überblick über den Verlauf der Implementierung in Deutschland.  

Das Konzept  

Das grundlegende Konzept des Hebammenkreißsaals wurde 2007 vom Verbund Hebammenforschung in einem Handbuch veröffentlicht (1). Dieses Handbuch beschreibt nicht nur das Versorgungskonzept, sondern leitet auch durch die Phasen der Implementierung.
Im Zentrum steht die eigenverantwortliche Betreuung gesunder Frauen in der Schwangerschaft, während und nach der Geburt, sowie im Wochenbett durch Hebammen (1). Dadurch soll der gesetzlich festgelegte Tätigkeitsrahmen von Hebammen gemäß § 1 HebG voll ausgeschöpft werden. Der HKS ersetzt keinen interprofessionell geleiteten Kreißsaal, sondern ergänzt das Betreuungsangebot der Klinik. Die wichtigsten grundlegenden Prinzipien sind die Annahme, dass 

  • Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett physiologische Vorgänge sind  
  • die Planung des Betreuungsprozess gemeinschaftlich zwischen Hebamme und Frau geschieht, wobei die Schwangere/Gebärende/ Wöchnerin die zentrale Person ist 
  • Hebammen eine Kontinuität im Betreuungsprozess gewähren.  

Darauf aufbauende und weiterführende Informationen finden sich über den DHV, z.B. auch als Podcast (2), von dem wir alle Folgen als relevant betrachten.  

Konkret bedeutet die Umsetzung des HKS, dass Schwangere an mindestens zwei persönliche Gespräche mit einer Hebamme zur Information, Anmeldung und Aufklärung bezüglich des Hebammenkreißsaals teilnimmt. Hierbei wird geprüft, ob eine Geburt im Hebammenkreißsaal möglich ist oder Ausschlusskriterien vorliegen (z.B. Zustand nach Re-Sectio) eine fachärztliche Konsultation indiziert ist (z.B. Komplikationen bei früheren Geburten) oder im Einzelfall entschieden werden muss (z.B. Schwangere unter 16 Jahren oder über 40 Jahren). Bei der Aufnahme zur Geburt wird erneut geprüft, ob die Geburt im HKS weiterhin möglich und gewünscht ist. Die Geburtsbetreuung erfolgt nach einer intern entwickelten Leitlinie zur Betreuung im HKS. In dieser Leitlinie werden die Arbeitsweise und Handlungsabläufe, auch in Abgrenzung zum interprofessionell geleiteten Kreißsaal, festgelegt (1).  Dies bedeutet, dass eine 1:1 Betreuung ab der aktiven Eröffnungsphase und die Anwesenheit einer zweiten Hebamme ab der aktiven Austrittsperiode sichergestellt ist. Festgelegt werden dort Gründe und Verfahren zur Überleitung in den interprofessionell geleiteten Kreißsaal, beispielsweise bei einem protrahierten Geburtsverlauf, einem pathologischen CTG oder bei Indikation/ Wunsch für eine PDA. 
Erfolgt die Geburt im Hebammenkreißsaal, werden die postpartale Betreuung und, sofern eine stationäre Aufnahme erfolgt, die Wochenbettvisiten vollumfänglich durch die Hebammen übernommen (3). Frauen, bei denen einen Geburt im Hebammenkreißsaal nicht möglich war, könnten nach dem DHV auch in das postpartale Betreuungskonzept des Hebammenkreißsaals überführt werden (4).  Als zentrales Kriterium dient an dieser Stelle die Leitfrage, ob Mutter und Kind theoretisch in eine ausschließlich ambulante Wochenbettbetreuung entlassen werden könnten. 

Abbildung 1: DHV, Prozess Post-Geburtsphase (Hebamme)(3) 

 

Die organisatorische Umsetzung kann dann auf verschiedenen Wegen erreicht werden.  

Räumliche Organisation 

Ein Hebammenkreißsaal kann in einem interprofessionell geleiteten Kreißsaal integriert sein und in den gleichen Räumlichkeiten umgesetzt werden. Ebenso kann er sich in separaten Räumlichkeiten im selben Gebäude befinden, oder auf dem Klinikgelände in einem anderen Gebäude. Denkbar sind auch Varianten, in denen sich der HKS weiter entfernt von einer Klinik befindet, ähnlich einem Geburtshaus. Diese Variante findet sich zum Beispiel im britischen Gesundheitssystem als sogenannten midwifery units oder birth centers (2).  

Organisation des Hebammenteams 

Auch auf personeller Ebene sind mehrere Optionen denkbar. Das gesamte Team kann den HKS, bei Bedarf und nach Möglichkeit, betreuen. Auch ist denkbar, dass grundsätzlich das gesamte Team den HKS betreut, vorab aber eine klare Zuteilung erfolgt, wann wer in welchem Konzept arbeitet. Auch können zwei getrennte Teams gebildet werden, für den HKS und den interprofessionell geleiteten Kreißsaal, die entweder unter einer gemeinsamen Leitung arbeiten oder jeweils eine eigene Leitung haben.  

Vorteile 

Das Konzept des Hebammenkreißsaals ist dem übergeordneten Ziel der Betreuungskontinuität zuzuordnen, welchem wir uns bereits ausführlich auf unserem Blog gewidmet haben.
Zentrale Vorteile dieser sind die höhere Zufriedenheit der Frauen, ein besserer geburtshilflicher Outcome und eine höhere Arbeitszufriedenheit der Hebammen. Die GEschHIcK-Studie diente der erstmaligen Evaluation des Konzepts in Deutschland. Diese Studie analysierte alle hebammengeleiteten Geburten, die am Universitätsklinikum Bonn zwischen 2010 und 2017 erfolgten.   In der Studie wurden 612 Geburten aus dem Hebammenkreißsaal (dort begonnen, nicht zwingend im Hebammenkreißsaal beendet) mit 612 Geburten verglichen, die im selben Zeitraum in der Klinik stattfanden und theoretisch auch für den Hebammenkreißsaal geeignet gewesen wären(6). Auch wenn die Anzahl der eingeschlossenen Fälle damit nicht groß ist, bestätigt das Ergebnis die Sicherheit des Konzeptes: der geburtshilfliche Outcome ist tendenziell besser. So gab es einen positiven Trend in der Zunahme vaginaler Geburten und eine Abnahme vaginal-operativer Geburten. Signifikante Unterschiede ergaben sich bei der Rate der PDAs, Episiotomien und Dammrisse II. Diese traten bei den im Hebammenkreißsaal begonnenen Geburten seltener auf. Keinen Unterschied gab es im Hinblick auf das Auftreten postpartaler Hämorrhagien und dem neonatalen Outcome. Höhergradige Geburtsverletzungen traten häufiger im Hebammenkreißsaal auf.
Zu beachten ist, dass etwa die Hälfte der im Hebammenkreißsaal begonnen Geburten in den interprofessionell geleiteten Kreißsaal übergeleitet wurden. Hierbei bestand ein Zusammenhang zwischen Alter, Geburtsgewicht und insbesondere der Parität. 75% aller Erstgebärenden wurden übergeleitet, was wiederum 68% aller Überleitungen ausmachte. 

Status quo der Umsetzung

Geburtshilfliche Abteilungen wie der HKS wurden in den frühen 90er Jahren in Großbritannien und Skandinavien bereits eingeführt. 1998 wurde die Idee durch die damalige Präsidentin des Bunds Deutscher Hebammen (jetzt DHV) in Deutschland vorgestellt. Im Anschluss verfolgte eine kleine Arbeitsgruppe das Konzept weiter und 2003 eröffnete der erste HKS in Bremerhaven. Begleitet wurde dieses Vorhaben durch den Verbund Hebammenforschung, die wie bereits erwähnt, das Konzept 2007 in schriftlicher Form veröffentlichten. 2009 wurde der Hebammenkreißsaal an der ersten Universitätsklinik, in Bonn, eingeführt. Die überzeugenden Ergebnisse der GEscHicK-Studie, die konkreten Ausführungen zu Konzept und Implementierung, sowie Vorbilder gelungener Umsetzung führten zu Bestrebungen vieler geburtshilflicher Abteilungen das Konzept einzuführen. In den letzten zwei Jahren hat sich so die Zahl der Hebammenkreißsäle verdoppelt mit aktuell knapp 100 verzeichneten HKS (Netzwerk Hebammenkreißsaal und DHV) (2). Da es zwar ein Gütesiegel des Netzwerkes Hebammenkreißsaal gibt, es sich jedoch nicht um eine Marke o.ä. handelt, ist davon auszugehen, dass die Anzahl von tatsächlichen Hebammenkreißsälen höher ist.
Gründe, die eine Geburt im Hebammenkreißsaal ermöglichen oder verhindern orientieren sich stark am Risikokatalog des Mutterpasses und den bekannten Ausschlusskriterien der außerklinischen Geburtshilfe (7). Im März diesen Jahres legte der G-BA eine Erstfassung der „Richtlinie zur Qualitätssicherung der hebammengeleiteten Betreuung in Kreißsälen (QHKS-RL)“ vor (8). Die dort genannten Kriterien widersprechen denen des DHVs teilweise, und wurden kürzlich vom DHV gegenübergestellt (9). 

Fazit  

Es zeigt sich, dass die Implementierung und ihre Vorbereitung ein zeitintensives Projekt sind. Die Projektphase fordert gute Vorbereitung und Strukturierung, sowie ein zur Umsetzung und zu Fortbildungen motiviertes interprofessionelles Team. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Debatten über die Finanzierung des Gesundheitssystems und des Erfordernisses einer eindeutigen Klärung der Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten von Hebammen in kontinuierlichen Betreuungsmodellen ist dieser Aspekt von besonderer Bedeutung. Auch bedarf es weitere Evaluationen der praktischen Umsetzung, die das Konzept weiterentwickeln und stärken können.  
Beschrieben wird auch, dass die Einführung des Hebammenkreißsaals zu einem Hierarchieabbau führt. Dieser Aspekt könnte ein Grund für die Assoziation mit einer höheren Arbeitszufriedenheit von Hebammen sein. Des weiteren bietet ein Hebammenkreißsaal ideale Bedingungen für werdende Hebammen, die die Chance haben intensiv Geburtsverläufe und die Interaktion und Kommunikation zwischen Hebamme und Gebärenden bzw. Paaren zu beobachten.
Das Konzept des Hebammenkreißsaals bietet viele Vorteile. Es bewirkt eine Qualitätssteigerung der geburtshilflichen Betreuung. Dies betrifft nicht nur die Geburten, die auch im Hebammenkreißsaal beendet wurden, sondern wirkt sich auch weiterhin positiv nach einer Überleitung aus.  

 

Quellen

1.    Bauer N, Kehrbach A, Krahl A, Rahden Ov, Sayn-Wittgenstein Fz. Handbuch Hebammenkreißsaal - Von der Idee zur Umsetzung Osnabrück Verbund Hebammenforschung 2007. 

2.    DHV. Der Hebammenkreißsaal Deutscher Hebammen Verband 2026 [Available from: https://hebammenverband.de/hebammenkreisssaal. 

3.    DHV. Projekt Implementierung eines Hebammenkreißsaals. Berlin: Deutscher Hebammenverband; 2026. 

4.    Köbke A. Wochenbettbetreuung im HKS: Deutscher Hebammenverband 2026 [Available from: https://hebammenverband.de/wp-content/uploads/2026/04/2026-02_Wochenbettbetreuung-im-Hebammenkreisssaal_DHV.pdf. 

5.    LZG.NRW. Daten und Fakten zum hebammengeleiteten Kreißsaal in Nordrhein-Westfalen Landestentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen; 2020. 

6.    Merz WM, Tascon-Padron L, Puth M-T, Heep A, Tietjen SL, Schmid M, et al. Maternal and neonatal outcome of births planned in alongside midwifery units: a cohort study from a tertiary center in Germany. BMC pregnancy and childbirth. 2020;20(1):267. 

7.    Köbke A. Strukturanforderungen an den Hebammenkreißsaal (HKS) als Standard für die hebammengeleitete Geburtshilfe in Deutschland Hebammenforum 2024(05/2024). 

8.    G-BA. Hebammengeleitete Geburtsbetreuung in Kreißsälen: G-BA legt Mindestanforderungen fest Berlin: Gemeinsamer Bundesauschuss 2026 [Available from: https://www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen-meldungen/1318/. 

9.    Köbke A. Gegenüberstellung und Vergleich Kriterienkatalog DHV und Kriterienkatalog QHKS-G-BA1 in der Erstfassung der Richtlinie vom 19.04.2026: Deutscher Hebammenverband 2026 [Available from: https://hebammenverband.de/wp-content/uploads/2026/03/2026-03-25_Vergleich-DHV-Kriterienkatalog-vs-QHKS-RL_G-BA.pdf.