Stillen in 2026 – die S3-Leitlinie

Stillen in 2026 – die S3-Leitlinie

Blogbeitrag anlässlich der Weltstillwoche 2026

Die aktuellen Zahlen zur Stillquote in Deutschland (Erhebung 2014-2017) bieten noch Raum für Verbesserung: zwar beabsichtigen 90% der Mütter ihr Kind zu stillen. Nach der Geburt stillten jedoch lediglich 68% der Frauen ihr Kind ausschließlich, nach zwei Monaten noch 57% und nach vier Monaten nur noch 40% (1). Zur nachhaltigen Verbesserung der Stillförderung und Steigerung der Stillfreundlichkeit in Deutschland wurde eine Nationale Strategie zur Stillförderung erarbeitet. Dazu gehört auch die diesjährig erschienene S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“. Wir nehmen dies zum Anlass die neuen Empfehlungen und aktuellen Diskussionspunkte zu beleuchten.  

Die neue S3-Leitlinie 

Bisher bezogen sich die Empfehlungen zur Dauer des ausschließlichen Stillens auf die S3 Leitlinie zur Allergieprävention, welche aktuell überarbeitet wird (2). Dort wurde empfohlen vier bis sechs Monate ausschließlich zu stillen. Im Hinblick auf die empfohlene Gesamtdauer des Stillens gab es keine expliziten Empfehlungen, häufig wurde darauf verwiesen, dass nach der Beikosteinführung so lange gestillt werden solle, wie es Mutter und Kind wünschen.  

Was ist neu?  

Die neue S3-Leitlinie formuliert nun zwei zentrale Empfehlungen:  

  • Reifgeborene Kinder sollten bis zum vollendeten sechsten Lebensmonat ausschließlich oder überwiegend gestillt werden.  
  • Die Gesamtstilldauer für reifgeborene Kinder soll mindestens 12 Monate betragen. 

Damit gleichen sich die deutschen Empfehlungen denen der WHO an (3), die das ausschließliche Stillen für sechs Monate schon seit Jahrzehnten empfiehlt. Im Hinblick auf die Gesamtstilldauer besteht weiterhin eine Diskrepanz. Die WHO empfiehlt das Stillen für zwei Jahre oder länger. Dies wird damit begründet, dass eine zu geringe Anzahl an Studien zur Verfügung stehe, die das Stillen bis 25 Monate untersuchen (4). Das „mindestens“ der Empfehlung weist somit darauf hin, dass natürlich auch länger gestillt werden kann.

Die Leitlinie, die 250 Seiten umfasst, blickt nacheinander auf die gesundheitlichen Effekte der Stilldauer, sowohl des ausschließlichen/ überwiegenden Stillens bis einschließlich sechs Monate, als auch einer Gesamtstilldauer von mindestens zwölf Monaten. Abschließend wird eine zusammenfassende Begründung formuliert, die im Wesentlichen abwägt, dass die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz der Studien eher im niedrigen Bereich zu verorten ist, jedoch mehr- bzw. einheitlich protektive Zusammenhänge darstellt. Dies bedeutet, dass die meisten Studien die zentralen Empfehlungen unterstützen und ein protektiver Effekt durch die Stilldauer angenommen werden kann.
Als weiteren Grund für die Stillförderung wird angeführt, dass Muttermilch kostenfrei verfügbar ist. Dieser Umstand fördere die Chancengleichheit aller Säuglinge und führe zu einer ökonomisch positiven Bilanz des Stillens.  

Kritik

Die Leitlinie enthält im Anhang Sondervoten verschiedener Fachgesellschaften. Kritisiert werden das methodische Vorgehen und die verwendeten Studien, die insbesondere die zweite Empfehlung nicht stützen würden. Gefordert wurde so auch eine Umformulierung von „soll“ zu „sollte“. Im Folgenden differenzieren wir die Themenschwerpunkt der Kritik.

Karriesprävention
Festgestellt wurde, dass das Stillen über 24 Monate zu einer höheren Karieslast führt. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnmedizin (DGKIZ), gibt zu bedenken, ob dieses Risiko nicht schon ab einer Stilldauer von zwölf Monaten erhöht sein könnte. Gefordert wird daher eine Betonung der Kariesprophylaxe:  

  •  Regelmäßige und sorgfältige Mundhygiene mit fluoridhaltiger Zahnpasta 
  •  Kontrolle der Zuckerzufuhr  
  •  Frühzeitige zahnmedizinische Beratung.  

Sie kommen zu dem Schluss, dass die Empfehlung weniger stark bewertet werden sollte und die zahnmedizinisch relevanten Risiken des Stillens nach zwölf Monaten weiter differenziert werden (5).  

Beikosteinführung
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) führt in ihrem Sondervotum Argumente zur Abstufung des Zeitpunkts der Beikosteinführung an. Das Auftreten von Lebensmittelallergien sei häufiger, sofern Beikost erst ab dem 7. Lebensmonat eingeführt würde. Ebenso könnten sich Nachteile durch ein mögliches Risiko für Mikronährstoffe- und Eisenmangel in bestimmten Risikogruppen ergeben. Diese wären beispielsweise Kinder, die früh abgenabelt wurden oder deren Mütter einen niedrigen Eisenhaushalt haben, sowie Frühchen (6).  

Psychologische Auswirkungen
In den Sondervoten finden sich interessanterweise an zwei Stellen moralische Überlegungen in Bezug auf die Empfehlungen. Die DGEM postuliert, dass die Empfehlung für das ausschließliche Stillen für sechs Monate bei vielen Frauen, die dies nicht umsetzen  oder umgesetzt haben, zu Schuldgefühlen führen kann. Als Begründung werden Depressionen und eine gestörte Mutter-Kind-Bindungen als Folge von Stillproblemen angeführt. Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) mahnt an, dass im Hinblick auf die zweite Empfehlung, Stillen für mindestens zwölf Monate, psychosoziale Auswirkungen nicht ausreichend berücksichtig wurden. Dies wird nicht näher konkretisiert.  

Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit 

Wie zuvor erwähnt wird das Stillen als die nachhaltigste und gerechteste Art der Säuglingsernährung betrachtet.
In Bezug auf die Nachhaltigkeit muss man möglicherweise jedoch weiter abwägen. Das Füttern von Premilch geht offensichtlich mit einem deutlich höheren CO2-Ausstoß einher: Produktion, Verpackung, Transport etc. Ebenso muss die Belastung von Mikroplastik beachtet werden. Idealerweise würden bei der Flaschenfütterung (das gilt auch für abgepumpte Milch) auf Glasflaschen zurückgegriffen werden, da sich durch die Erhitzung Mikropartikel lösen können. Daher empfiehlt es sich auch - sofern nicht zwingend indiziert- Flaschen und anderes Zubehör nicht zu sterilisieren, sondern lediglich zu reinigen. Da Glasflaschen aber schwer und zerbrechlich sind, könnte man erwägen die Milch in Glasflaschen zu erhitzen und anschließend in eine Flasche aus Plastik zu geben (7).
Mikroplastik wurde jedoch auch in der Muttermilch nachgewiesen (8). Die Langzeitfolgen für das Kind sind bisweilen nicht geklärt. Grundsätzlich empfiehlt sich daher darauf zu achten Plastikverpackungen bei Lebensmitteln, auch Getränke in PET-Flaschen, zu vermeiden. An diesem Punkt drängt sich jedoch zwangsläufig die Frage der sozialen Gerechtigkeit auf, sind plastikverpackte Lebensmittel in der Regel viel verbreiteter und auch günstiger. Auch sind manche Berufsgruppen besonders gefährdet, da sie viel mit Kunststoffen in Kontakt kommen (bspw. durch Kosmetik und deren Verpackung) (9). Wie sehr sich dies auf die Belastung der Muttermilch auswirkt, ist bisher nicht untersucht und ändert daher zunächst nichts an der grundsätzlichen Empfehlung zum Stillen, sofern keine anderen seltenen Gründe dem entgegenstehen.

Fazit 

Die Leitlinie wurde insgesamt als sehr positiv und wichtigen Schritt aufgefasst. Nicht zuletzt liegt das an den erheblichen gesundheitlichen Vorteilen des Stillens für Mutter und Kind, die hinreichend bekannt sind. Dazu zählen unter anderem die, in der Regel ideal auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmte, Zusammensetzung der Muttermilch, die deutliche Senkung des Brustkrebsrisiko für die Frau und die Förderung der Mutter-Kind-Bindung. Auch bejaht sie eine längere Stilldauer und kann ein Schritt in die Richtung einer Entstigmatisierung des Stillens nach zwölf Monaten sein, welche ein Teilaspekt der nationalen Strategie zur Stillförderung ist.
Die derzeitigen Kritik- und Diskussionspunkte bilden keine Argumente gegen das Stillen. Weder per se, noch in Bezug auf eine bestimmte Stilldauer. Vielmehr zeigen sie, dass es zahlreiche Situationen gibt, in denen die Entscheidung für das Stillen, den Stillzeitraum und die Stillintensität möglicherweise differenzierter getroffen werden muss. Hebammen begleiten diesen Entscheidungsprozess und können die Empfehlungen in einen Kontext setzen. Mögliche Schuldgefühle, wie die DGEM sie anführt, können Hebammen nicht gänzlich verhindern. Die Vorstellungen einer Stillbeziehung und Mutterschaft sind komplex und häufig sehr gefestigt. Durch eine kontinuierliche Betreuung und eine vertrauensvolle Beziehung, öffnet sich jedoch der Raum dies zu besprechen. In ihrer Beratung können Hebammen die Familie auch unterstützen den passenden Zeitpunkt zur Beikosteinführung zu identifizieren. Denn dies hängt auch, zu einem nicht unerheblichen Teil, von den Reifezeichen des Kindes ab. Sie kennen die individuelle Situation der Frau und Familie, können gemeinsam Lösungen erarbeiten und tragen so erheblich zur Stillförderung und einer nachhaltigen Stillbeziehung bei.  

 

Quellen

1.    BMLEH. Wie stillfreundlich ist Deutschland? Forschungsergebnisse vorgestellt Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat; 2026 [updated 20.02.2026. Available from: https://www.bmleh.de/DE/themen/ernaehrung/gesunde-ernaehrung/schwangerschaft-und-baby/stillen-in-deutschland.html. 

2.    AWMF. S3-Leitline Allergieprävention. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftilchen Medizinischen Fachgesellschaften 2021. 

3.    WHO. Breastfeeding: World Health Organization [abgerufen am: 16.07.2026].[URL: https://www.who.int/health-topics/breastfeeding#tab=tab_1.] 

4.    Bauer E. Neue S3-Leitlinie: Erstmals nationale Empfehlungen zur Stilldauer. Ärztezeitung 2026. 

5.    Schiffner U. Leitlinie "Stillen" mit Sondervotum der DGKiZ veröffentlich Oralprophylaxe & Kinderzahnmedizin 2026;Juni 2026:80–1. 

6.    Castenmiller J, de Henauw S, Hirsch-Ernst K-I, Kearney J, Knutsen HK, Maciuk A, et al. Appropriate age range for introduction of complementary feeding into an infant's diet. EFSA Journal. 2019;17(9):e05780. 

7.    EISL. Mikroplastik und Schadstoffe in Muttermilch - ist das ein Problem? : Europäisches Institut für Stillen und Laktation 2024 [Available from: https://www.stillen-institut.com/de/mikroplastik-und-schadstoffe-in-muttermilch-ist-das-ein-problem.html. 

8.    Ragusa A, Notarstefano V, Svelato A, Belloni A, Gioacchini G, Blondeel C, et al. Raman Microspectroscopy Detection and Characterisation of Microplastics in Human Breastmilk. Polymers. 2022;14(13):2700. 

9.    Kolena B, Petrovičová I, Šidlovská M, Pilka T, Neuschlová M, Valentová I, et al. Occupational phthalate exposure and health outcomes among hairdressing apprentices. Human & Experimental Toxicology. 2017;36(10):1100–12.