Die Geschichte geburtshilflicher Handgriffe in Deutschland

Die Geschichte geburtshilflicher Handgriffe in Deutschland

Geburtshilfliche Handgriffe gehören zum Handwerkszeug von Hebammen und Geburtshelfer*innen. Sie können diagnostischer Natur sein oder der Intervention dienen. Wann sind sie wie entstanden?  

Das erste Lehrbuch für Hebammen  

Der Beruf der Hebamme wird gerne auch als der älteste Beruf der Menschheit bezeichnet. Uns heutige Hebammen unterscheidet viel von unseren Berufs-Vorfahren, und dennoch basiert einiges unseres Wissens auf ihren Beobachtungen und Manövern. Das erste deutsche Lehrbuch für Hebammen mit dem Titel „Die Chur-Brandenburgische Hof-Wehe-Mutter“ schrieb Justine Siegemund (1636-1705) im Jahr 1690. Neben gynäkologischen Eingriffen wurden in diesem Werk ausführlich herausfordernde geburtshilfliche Situationen beschrieben und illustriert. Besonders zahlreich sind Abbildungen zu internen Wendungsmanövern, aus Quer- oder Schädellage in Fußlage. In der digitalen Bibliothek des Münchener Digitalisierungs-Zentrum, können sie sich eine Ausgabe des Buches aus dem Jahr 1724 online anschauen (1).    


Abbildung 1: Nabelschnurvorfall (1) 


Abbildung 2: Siegemundinischer gedoppelter Handgriff (1) 

Wandel der Geburtshilfe im 18. und 19. Jahrhundert 

Die Geburtshilfe war bis ins 18. Jahrhundert der exklusive Arbeitsbereich von Hebammen. Doch das Gebiet der Humanmedizin entwickelte sich rasch und in Europa eröffneten Gebäranstalten. Die Geburtshilfe verlagerte sich so langsam aus der Häuslichkeit in eine klinische Umgebung. Dies führte zunächst zu einem erheblichen Anstieg der Müttersterblichkeit (2). Nicht nur Ignaz Semmelweis beschäftigte sich mit den möglichen Gründen dafür und erfand schließlich die Händedesinfektion. Auch den Leiter der Leipziger Frauenklinik, Siegmund Franz Credé (1819-1892), trieb diese Frage umher. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass die Anzahl vaginale Untersuchungen zu minimieren sein und stattdessen die äußerliche Untersuchung forciert werden sollte (3). Im Rahmen der Geburtshilfe begegnet uns Credé heute vor allem noch bei dem von ihm erfundenen Credé-Handgriff zur Uteruskompression. Jedoch entwickelte er auch eine Reihe von äußerlichen Handgriffen, die heute nach seinem Schüler (und Schwiegersohn) Christian Gerhard Leopold (1846-1911) benannt sind: die Leopold-Handgriffe. Diese sind aus dem heutigen Berufsalltag von Hebammen nicht mehr wegzudenken und weiterhin von hoher Relevanz in der Schwangerenvorsorge und Geburtsbegleitung.  

Entwicklung bis ins 20. Jahrhundert 

Aus der geburtshilflichen Praxis und Ausbildung sind uns noch weitere geburtshilfliche Handgriffe bekannt. Samuel Kristeller und Ferdinand von Ritgen, nach denen Handgriffe benannt sind, die in der Austrittsperiode angewendet werden/wurden, waren beide deutsche Gynäkologen im 19. Jahrhundert.
Handgriffe, die zur Lösung einer Schulterdystokie dienen, entwickelten sich insbesondere im bzw. seit dem 20. Jahrhundert. Dazu zählen Rubin, Wood und Zavanelli, die alle in den USA als Gynäkologen und Geburtshelfer tätig waren. Oder auch Savas Menticoglou, der weiterhin in Kanada praktiziert (4). Diese Handgriffe fanden in dieser Zeit auch ihren Weg nach Europa.
Handgriffe und Manualhilfen bei Geburten aus Beckenendlagen sind ebenfalls benannt nach Gynäkologen und Geburtshelfern des 20. Jahrhunderts: Løvset (Norwegen), Bracht und Bickenbach (Deutschland). Bei dem (Mauriceau)-Veit-Smellie-Handgriff hingegen handelt es sich um eine Entstehungsgeschichte über fast 200 Jahre, die sich über die Grenzen Frankreichs, Schottlands und Deutschlands erstreckt.  

Fazit und Einordnung 

Es gibt zahlreiche geburtshilfliche Handgriffe, die meisten dienen der Intervention in zeitkritischen Situationen. Sie sollten daher gut verinnerlicht sein und regelmäßig am Phantom geübt werden.
Alle geburtshilflichen Handgriffe sind nach Gynäkologen benannt, was wir auf das Erstarken der Humanmedizin und die Herabwürdigung der Hebammenprofession ab dem 19. Jahrhundert zurückführen können. Das Lehrbuch von Justine Siegemund bietet exemplarisch Hinweis darauf, dass Hebammen schon zuvor über ein Repertoire an Handgriffen verfügten.

Im Jahr 1997 wurden verschiedene Praktiken und Überzeugungen traditioneller Geburtshelferinnen in Afrika, Asien und Lateinamerika verglichen (5). Trotz großer Unterschiede zwischen den Kulturen der drei Kontinente gab es in diesem Vergleich überraschend viele Übereinstimmungen. Die Autorinnenen nehmen an, dass zutiefst menschliche Erlebnis von Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit etwas Universelles mit sich trägt, mit dem die Menschheit an allen Orten der Welt konfrontiert war. Sie konnten zum Beispiel feststellen, dass der Versuch der äußeren Wendung bei Beckenendlagen gemeinsam war. Nach dieser Beobachtung müssen wir davon ausgehen, dass  geburtshilfliche Handgriffe vermutlich älter sind als deren Dokumentation. Und, dass diese Handgriffe über viele Jahrhunderte weitergegeben wurden.  

Ein brisanter Fall der Aneignung ist die falsche Zuschreibung des Gaskin-Manövers. Das erste nach einer Frau benannte Manöver wurde nach Ina May Gaskin benannt. Sie selbst lernte es jedoch von einer Gruppe indigener Frauen in Guatemala (6).  

 

Hörtipp für Kinder:  

Der WDR hat im Format "Die Maus" einen Audiobeitrag zu Justine Siegemund veröffentlicht. 5:10 min

 

Quellen 

1.    Siegemund J. Die Chur-Brandenburgische Hof-Wehe-Mutter. Leipzig: Braun; 1724. https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11219537?page=5 

2.    Barop H. 54 Books [Internet]2026. [cited 2026 17.06.2026]. Available from: https://54books.de/wem-die-baeuche-gehoeren-ueber-die-geschichte-der-geburt/.  

3.    Hailer T, Loytved C. Zur Geschichte der Leopold-Handgriffe. Die Hebamme. 2015;28:118–23.  

4.    HSC. Who's Who of Women's Health [Available from: https://hsc.mb.ca/about/our-history/exhibit-galleries/history-of-womens-and-maternal-health-at-hsc/whos-who-of-womens-health/.  

5.     Lefèber, Y., & Voorhoever, H. (1997). Practices and beliefs of traditional birth attendants: lessons for obstetrics in the north?. Tropical medicine & international health : TM & IH, 2(12), 1175–1179. https://doi.org/10.1046/j.1365-3156.1997.d01-219.x 

6.    National Women's Hall of Fame [Internet]. [17.06.2026]. Available from: https://www.womenofthehall.org/inductee/ina-may-gaskin/.