Sophia Essendorfer war 2024 als freiwillige Hebamme im Daraja Mbili Hospital in Arusha, Tansania. Vor Ort stellte sie fest, an welchen Hebammenmaterialien es mangelt. Nach ihrer Anfrage an uns konnten wir Sophia und die Klinik mit einem Sauerstoffsättigungs-Messgerät und einem Dopton unterstützen. Sophia hat uns einen schönen Bericht von ihrem Einsatz vor Ort geschickt, den wir hiermit veröffentlichen:
Erste Tage vor Ort
Am 28. Oktober 2024 war es so weit: Mein erster Einsatz im Daraja Mbili Hospital in einer der ärmsten Gegenden in Arusha.
Zuerst wurde mir das gesamte Krankenhaus gezeigt und ich wurde in die Maternity-Ward eingearbeitet, meinem Arbeitsbereich für die nächsten Monate. Es standen einige Vorsorgen auf dem Plan, wo mein Geschick im Hebammenhandwerk das erste Mal seit der Ausbildung wieder richtig gefragt war: Leopold-Handgriffe, Auskultieren der fetalen Herzfrequenz mit dem Pinard-Rohr, Wehentätigkeit palpieren usw. Beeindruckend für mich: Die Hebammen vor Ort hatten ein immenses Gespür für die Hebammenarbeit, ohne die High-Tech Ausstattung der westlichen Welt.
Ich war erstaunt, wie leicht es mir fiel in dem neuen Setting mitzuarbeiten. Das lag meiner Ansicht vor allem daran, dass in Tansania ab der Mittelstufe Schulunterricht komplett auf Englisch stattfindet und auch die Hebammen und ÄrztInnen werden komplett auf Englisch ausgebildet, was die Kommunikation mit Menschen, die nicht Swahili sprechen um ein Vielfaches vereinfacht.
Am Ende meines Dienstes durfte ich sogar eine Geburt begleiten, im Beisein der Hebamme, die gerade Kreißsaaldienst hatte. Gott sei Dank habe ich das Wochenende genutzt, um mit meiner Gastmutter einige wichtige Swahili-Vokabeln der Geburtshilfe zu lernen:
Sukuma —> schieben
Hema —> atmen
Kazi nzuri mama —> gute Arbeit Mama
Hongera —> Herzlichen Glückwunsch
Am Ende meines ersten Arbeitstages war ich fix und fertig, aber überglücklich. In keinem Kreißsaal, in dem ich je in Deutschland zuvor gearbeitet habe, wurde ich bisher mit einer vergleichbaren Selbstverständlichkeit in das Team aufgenommen.
In den nächsten Wochen wurde ich in meiner Arbeit immer sicherer ich durfte immer mehr eigenständige Arbeiten übernehmen. Außerdem konnte ich mich mit immer besser werdenden Swahili-Kenntnissen auch besser mit den Patientinnen verständigen, die nicht fließend Englisch sprachen.
Mir wurde immer mehr bewusst, wie viel schwerer die Arbeit in der Geburtshilfe in einem Land ist, in dem nicht alle benötigten Materialien selbstverständlich zur Verfügung stehen. Abgesehen von der höheren Rate an Komplikationen, mussten die Hebammen in vielen Situationen ein unglaubliches Improvisationstalent aufbringen. In meinem ersten Nachtdienst hatten wir zum Beispiel keine Dauerkatheterbeutel mehr, nur noch den Dauerkatheter an sich. Wir hatten eine Patientin im Kreißsaal mit protrahiertem Geburtsverlauf und immer schlechter werdenden kindlichen Herztönen. Schließlich war die sekundäre Sectio unumgänglich. Als der Dauerkatheter gelegt war, wurde kurzerhand eine leere Infusionsflasche zum Beutel für den Dauerkatheter umfunktioniert, damit die Sectio stattfinden konnte. Solche Situationen waren einfach Alltag für die Hebammen dort und sie schafften es immer wieder das, was in meinem Kopf unmöglich schien, möglich zu machen.
Mein erster Notfall
Doch nicht alle geburtshilflichen Fälle lassen sich durch Improvisieren lösen. Leider. Auch das wurde mir nach ein- oder zwei Wochen bewusst als ich mich schon an das Arbeitsumfeld gewöhnt hatte und vieles in meinem Kopf schon normalisiert hatte.
Wir hatten eine Geburt, bei der erst im Geburtsverlauf die Beckenendlage festgestellt wurde. Das Neugeborene musste nach der Geburt reanimiert und beatmet werden. Das Problem dabei war aber, dass es in Tansania keine Geräte für das Messen der Sauerstoffsättigung bei Neugeborenen gibt. Dies wird nur selten gebraucht, ist aber im Notfall entscheidend für eine gelingende Reanimation von Neugeborenen direkt nach der Geburt.
Da viele meiner Freunde und Familie bereit waren, für die Klinik zu spenden, war ich sehr motiviert ein Sättigungsgerät für Neugeborene zu kaufen. Stellte aber nach einigen Stunden in verschiedenen Geschäften für Medizinprodukte fest, dass es diese Geräte auch nirgends in Tansania zu kaufen gibt.
Hier kam Rikepa ins Spiel: Über einen Kontakt bin ich auf die Unterstützung von Rikepa für soziale Projekte gestoßen. Es dauerte nicht lange und das Team von Rikepa konnte mir ein wieder aufladbares Dopton und ein Gerät zum Messen der Sauerstoffsättigung bei Neugeborenen zusichern. Welche ich dann mit der Unterstützung einer anderen Freiwilligen nach Tansania fliegen lassen konnte. Das Team in der Klinik konnte es kaum glauben und begann sofort, die neuen Geräte in Notfalltrainings und natürlich auch im Kreißsaal Betrieb mit einzubauen.
Zum Glück habe ich in meinen Diensten nur wenige Notfälle hautnah miterlebt. Ich bin mir aber sicher, dass viele davon mit besserer Ausstattung mit einem deutlich besseren Outcome geendet wären.
Ich kann mich nur im Namen des gesamten Teams des Daraja Mbili Hospitals ganz herzlich bei Rikepa für die großzügige Spende bedanken. Das Sättigungsgerät ist täglich im Einsatz und wird sogar in dringenden Fällen an Nachbarkliniken verliehen und hat schon vielen Neugeborenen dabei geholfen einen besseren Start ins Leben zu bekommen.
Abschließend kann ich nur sagen, dass die Zeit in Tansania zu den schönsten und intensivsten Zeiten meines Lebens zählt, ich sehr viel gelernt habe und ein wundervolles Team kennenlernen durfte. Ich danke Rikepa-Hebammenversand ganz herzlich für die Unterstützung vor Ort und bin mir sicher, nicht das letzte Mal in Tansania gewesen zu sein.
Es folgen noch einigen Eindrücke aus meinem Alltag in der Klinik. Alle Bilder wurden nur mit Einverständnis der einzelnen PatientInnen und des Klinikpersonals aufgenommen.
Sophia Essendorfer





