Geburtsvorbereitungskurse gehören in Deutschland oft ins Programm von werdenden Eltern. Wir haben daher Interviews zu Erwartungen, gesetzten Schwerpunkten und Verbesserungsvorschlägen geführt. Um ein umfassenderes Bild zeichnen zu können, haben wir eine Hebamme gefragt, die selbst Geburtsvorbereitungskurse anbietet, und ein Elternpaar, die im letzten halben Jahr einen Kurs besucht haben. Hinzugekommen sind auch die Antworten von zwei Hebammen, die beide keine Kurse anbieten, sondern im Kreißsaal beziehungsweise in der Wochenbettbetreuung arbeiten. Was können wir aus den unterschiedlichen Perspektiven lernen?
Erwartungen
Was erwarten Sie von einem Geburtsvorbereitungskurs (GVK)?
Mona, freiberufliche Hebamme, die keine Kurse anbietet:
Ich erwarte, dass die Frauen einen guten inhaltlichen Überblick über den Geburtsprozess und dessen Phasen, sowie mögliche Herausforderungen, Übungen und Maßnahmen erhalten. Häufig erkläre ich vor Besuch des Geburtsvorbereitungskurses die Geburtsmechanik anhand eines kleinen Beckenmodells mit Puppe, welches ich immer dabeihabe. So ist im GVK ein Teil Wiederholung und sie können sich mehr auf andere Inhalte mehr fokussieren.
Lisa, arbeitet als Hebamme in einem Kreißsaal:
Mir ist wichtig, dass die Frauen und Paare ein realitätsnahes und vielfältiges Abbild von der Geburtshilfe erhalten. Am Ende sollten die Teilnehmer*innen eine Flexibilität und Offenheit dafür haben, dass jede Geburt anders ist und sie nicht zu streng mit sich sein sollen. Es sollte ein wenig Raum zur Mitgestaltung geben, damit individuelll auf Fragen und Bedürfnisse eingegangen werden kann. Sehr hilfreich ist es auch, wenn die Paare die Möglichkeit hatten Lockerungs- und Atemübungen, sowie verschiede Positionen auszuprobieren und gemeinsam als Paar in die Bewegung zu gehen.
Meiner Meinung nach sollte auch der Stillbeginn und das Vorhandensein und die Menge von Kolostrum thematisiert werden. Es gibt immer noch so viele Frauen die Angst haben „keine Milch zu haben“.
Was haben Sie sich von einem Geburtsvorbereitungskurs erhofft?
Nathalie und Viktor, sind letztes Jahr zum ersten Mal Eltern geworden:
Wir haben uns vor allem erhofft, uns durch den Kurs besser auf die Geburt vorbereitet zu fühlen und dadurch weniger Unsicherheiten zu haben. Zudem wollten wir konkrete Techniken zur Unterstützung während der Geburt erlernen – sowohl aus der Perspektive der gebärenden als auch der begleitenden Person. Wichtig war uns außerdem, Wissen und praktische Tipps für die erste Zeit nach der Geburt vermittelt zu bekommen. Besonders bedeutend war für uns, Notfälle besser erkennen und einschätzen zu können und einen ersten Handlungsplan für solche Situationen zu haben. Als zusätzlichen Bonus haben wir uns erhofft, Menschen in der gleichen Lebenssituation aus unserem Stadtteil kennenzulernen und uns mit ihnen austauschen zu können.
Schwerpunkte
Was ist Ihnen in diesem Zusammenhang besonders wichtig?
Lisa (Kreißsaal):
Zu einer realitätsnahen Darstellung gehören für mich auch Erklärungen und Ausführungen zu Kaiserschnitten und vaginal-operativen Geburten. Bei einer Sectiorate von rund 30% betrifft es ein Drittel aller Frauen.
Frauen sollten einen Überblick über schmerzlindernde Maßnahmen und Schmerzmittel haben, insbesondere wann sie eingesetzt werden können.
Mona (Wochenbett):
Wichtig ist mir, dass sie gut informiert sind, aber nicht das Gefühl haben alles allein schaffen zu müssen, sondern der betreuenden Hebamme im Kreißsaal vertrauen können und mir ihr gemeinsam durch den Prozess gehen.
Ich finde es gut, wenn sie grob verstehen, was wann okay oder ein Problem ist. Was sind die Herausforderungen jeder einzelnen Phase, warum kann zu unterschiedlichen Zeitpunkten eine Entscheidung für einen Kaiserschnitt kommen etc.
Nathalie und Viktor:
Am wichtigsten war uns die Vermittlung von aktuellem, evidenzbasiertem Wissen in einer lockeren Atmosphäre und in einem geschützten Rahmen, in dem alle Fragen gestellt werden dürfen. Dafür wünschten wir uns eine kompetente und sympathische Kursleitung – ein Wunsch, der glücklicherweise voll erfüllt wurde.
Medien
Welche Medien setze Sie ein?
Rebecca (Geburtsvorbereitungskurse):
Ich habe einige Anschauungsmodelle, einen Gebäratlas, viel Bildmaterial und einige Handoutzettel für die Paare. Videos oder Präsentationen kann ich in meinen Räumlichkeiten aufgrund von fehlender Technik leider nicht abspielen
Halten Sie ein Handout für sinnvoll? Wie schätzen Sie einen Medieneinsatz ein?
Mona (Wochenbett):
Auf jeden Fall. Ich finde es super, wenn es ein Handout gibt, wo noch mal Übungen erklärt sind oder man auch noch mal die wichtigsten Infos nachlesen kann zum Beispiel, was Anhaltspunkte sind, um in die Klinik zu fahren und wie man die Latenzphase zu Hause gestalten kann.
Man braucht auf jeden Fall Anschauungsmaterial vor Ort. Ohne Bilder und Modelle geht vermutlich nichts. Ich biete den Frauen gerne noch an ihnen ein ausgewähltes Video mit einer Geburt zu schicken oder gemeinsam anzuschauen.
Empfehlungen
Was wünschen Sie sich von ihren Kolleg*innen oder den Paaren?
Rebecca (Geburtsvorbereitungskurse):
Ich wünsche mir von den Kolleginnen, die die Schwangerschaft betreuen eine positive Berichterstattung über die Kurse und die Weitergabe der Kurszeiträume, sodass sich die Paare bei Interesse anmelden können. Von den Kolleginnen, die die Geburt betreuen, wünsche ich mir, dass sie auf das Gelernte eingehen und die Frauen die Möglichkeiten haben zB. verschiedenen Gebärpositionen, die sie im Kurs ausprobiert haben und für gut empfunden haben, auch unter der Geburt zu versuchen. Außerdem finde ich es schön, wenn die Partner*innen einbezogen werden und sie eine aktive Rolle unter der Geburt haben.
Von den Paaren wünsche ich mir eine offene, ehrliche, vertrauens- und respektvolle Atmosphäre im Kurs. Ich möchte, dass der Kurs ein geschützter Rahmen ist, wo sich alle trauen ihre Fragen zu stellen und den gestellten Fragen und geäußerten Unsicherheiten oder Bedenken mit Wertschätzung begegnet wird. Alle sollen sich wohlfühlen.
Haben sie Empfehlungen oder Verbesserungsvorschläge?
Lisa (Kreißsaal):
Egal für welchen Geburtsort sich die Frauen entscheiden oder wo sie am Ende tatsächlich gebären, wichtig ist das Vertrauen und nicht die Skepsis. Auch gut wäre es zu thematisieren, dass Frauen auch das Recht haben „Stopp“ zu sagen, wenn ihnen Geschichten aus dem Umfeld erzählt werden. Und eben auch eine Sensibilisierung für den Umgang mit Geburtsberichten in Social Media.
Mona (Wochenbett):
Ich finde es gut, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Lieber weniger Themen und dafür ausführlicher oder auch flexibler in der Schwerpunktsetzung. Klar, manche Frauen brauchen umfassendere Informationen, weil sie vielleicht leider keine Hebammenbetreuung im Wochenbett haben. Aber vielleicht bietet es sich da auch mehr zu unterschieden zum Beispiel durch zwei verschiedene Kursarten.
Haben Sie Verbesserungsvorschläge?
Nathalie und Viktor:
Wir hätten uns insgesamt etwas mehr Zeit gewünscht, insbesondere für den praktischen Teil wie Atemübungen und verschiedene Geburtspositionen. Im Raum standen dafür Hilfsmittel zur Verfügung, die wir gern länger ausprobiert hätten. Mit mehr Zeit wäre außerdem auch mehr Raum für den Austausch mit anderen Kursteilnehmenden möglich gewesen.
Mit welchem Gefühl haben sie den Geburtsvorbereitungskurs verlassen, wie hat dieser nachgewirkt?
Nathalie und Viktor:
Wir haben den Geburtsvorbereitungskurs gestärkt und deutlich sicherer verlassen. Wie erhofft, hatten wir einen Notfallplan für mögliche Szenarien im Kopf. Der Kurs verging sehr schnell, was ein wenig Wehmut ausgelöst hat, gleichzeitig aber auch ein starkes Gefühl von Empowerment und Vorfreude auf die bevorstehende Geburt.
Der Kurs hat uns viel Sicherheit gegeben und wir fühlten uns deutlich besser auf die große Herausforderung vorbereitet. Ohne den Kurs hätten wir uns das kaum vorstellen können. Zudem wurden viele verbreitete Klischees rund um das Thema Geburt richtiggestellt, wodurch wir eine realistischere Vorstellung entwickeln konnten.
Highlights
Eine positive Anekdote?
Rebecca (Geburtsvorbereitungskurse):
Ich finde die Entwicklung, die die Paare im Geburtsvorbereitungskurs durchlaufen schön zu beobachten. Viele, gerade werdende Eltern, die das erste Kind erwarten, sind verunsichert und haben viele Fragen. Vielen sieht man ihre Unsicherheit an. Nach dem Kurs sind sie informiert, bestärkt, haben konkrete Ideen, was ihnen guttut, was ihre eigenen Ressourcen sind und wie sie mit einem Neugeborenen umgehen können. Sie gehen zufrieden und mit einem Lächeln nach Hause.
Ein Positivbeispiel?
Mona (Wochenbett):
Ich finde es sinnvoll, wenn es Mehrgebärendenkurse gibt, bei denen auch die Geschwisterkinder miteinbezogen werden. Meistens an vorher kommunizierten, einzelnen Terminen. Es ist einfach auch für sie eine große Veränderung im Leben und sie lernen auch gleich schon mal eine Hebamme kennen.
Lisa (Kreißsaal):
Wenn die Gruppenbildung ein bisschen angeregt wird. Zum Beispiel, dass die Kursleiterin Austausch fürs Vernetzen und Kennenlernen Anreize setzt. Das ist für schüchterne Paare echt gut. Manchmal ergeben sich auch Nachtreffen, wenn die Kinder geboren werden.
Was hat Ihnen besonders gut gefallen?
Nathalie und Viktor:
Besonders gut gefallen hat uns der Austausch zu bestimmten Fragen in Zweiergruppen, wobei die Paarungen zufällig zusammengestellt wurden. Auch die getrennte Besprechung einzelner Themen für Gebärende und Begleitpersonen empfanden wir als sehr bereichernd. Sehr positiv war zudem, dass fast alle Fragen fundiert von der Hebamme beantwortet wurden und sie offen kommuniziert hat, wenn sie bei einzelnen Punkten unsicher war. Das Angebot zur Vernetzung über eine Chatgruppe mit den anderen Eltern habe wir ebenfalls als sehr wertvoll empfunden. Die kompakten Termine von jeweils drei Stunden waren für uns angenehm, auch wenn dies sicherlich individuell unterschiedlich wahrgenommen wird. Sehr hilfreich waren außerdem die zusammenfassenden E-Mails am Ende jeder Einheit, da uns in kurzer Zeit viele Inhalte vermittelt wurden.
Da ich als Gebärende im Vorfeld große Angst vor einer PDA hatte, hat es mir besonders geholfen, die von der Hebamme mitgebrachte Nadel anschauen zu können.
Ein sehr emotionaler und schöner Abschluss war zudem das Schreiben eines Briefes an uns selbst als Eltern, der ein Jahr nach Kursende von der Hebamme an uns verschickt wird.
Fazit
Die Perspektiven auf und Erwartungen an einen Geburtsvorbereitungskurs sind in einigen Punkten zwar unterschiedlich, in vielerlei Hinsicht dennoch sich ergänzend. Besonders prägnant in den Antworten war die Behandlung der Latenzphase. Die Geburtsphase, die häufig schwer zu greifen ist und viel Unsicherheiten mit sich bringt. Auch wichtig war den Hebammen, die keine Geburtsvorbereitungskurse anbieten, dass die Individualität des Geburtsprozesses ein bedeutendes Lernziel des Kurses darstellen soll. Sie wünschten sich außerdem, dass die Frauen mit Vertrauen in die Geburt gehen. Auch vor dem Hintergrund, dass der gewünscht Geburtsort möglicherweise nicht der tatsächliche ist. Ziel sollte es sein, dass die Gebärende und Begleitperson die Rahmenbedingungen und wesentlichen Entscheidungsgrundlagen verstehen. Weiterhin ist es wichtig, insbesondere angesichts der Sectiorate, auch die Gründe und Umstände von Kaiserschnitten und vaginal-operativen Geburten zu thematisieren. Dafür unersetzlich: Gute Möglichkeiten zu Demonstrationen, Anschauungsmaterial (auch zum Anfassen) und Bildmaterial.

