Im Anschluss an unseren Blogbeitrag zum Roses Revolution Day, möchten wir uns nun dem Thema des positiven Geburtserlebnis widmen. Wann wird der Geburtsprozess als positiv und zufriedenstellend empfunden und was liegt in der Kraft der Hebamme dies zu fördern?
„Mutter und Kind sind wohlauf“, eine beruhigende und altbewährte Floskel, die die Empfänger*innen über eine Geburt informieren soll. Aber was heißt wohlauf? Ist damit eine körperliche Unversehrtheit gemeint oder ein allgemein stabiler, gesunder Zustand? Feststellen lässt sich jedenfalls, dass es sich hierbei um ein übergeordnetes Ziel in der Geburtshilfe handelt, aber sicherlich nicht das Einzige ist.
Ein Blick in den Ethikkodex des DHV, welcher an den Code of Ethics des ICM angelehnt ist, macht deutlich: Eine zentrale Handlungsmaxime von Hebammen ist es, die Schwangere und Gebärende respektvoll zu begleiten, in ihren Entscheidungsprozessen zu unterstützen und das Vertrauen in diese Phase zu stärken (1). Das Ziel von Hebammen ist demnach, das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Zufriedenheit zu erreichen.
In der täglichen Arbeitspraxis von Hebammen passiert es aber nicht selten, dass sich trotz aller Mühen eine gewisse Diskrepanz in der Bewertung der Geburt durch Frau, Familie, Hebamme oder Geburtshelfern offenbart. Im Folgenden wollen wir mögliche Gründe erörtern und Maßnahmen vorstellen, die zu einer höheren Zufriedenheit im Geburtserleben führen können, auch wenn Wünsche und Vorstellungen sich nicht einlösen.
Aus Sicht der Gebärenden
Die Geburt eines Kindes ist eine existenzielle Erfahrung für Frauen. Die Bewertung des Geburtserlebnis hat Auswirkungen auf den postpartalen Outcome. So hat die subjektive Zufriedenheit mit dem Erlebten beispielsweise Einfluss auf das Wohlbefinden in den ersten Wochen nach der Geburt, das Risiko für das Auftreten einer postpartalen Depression oder einer posttraumatischen Belastungsstörung, ebenso auf den Bindungsaufbau zwischen Mutter und Kind (2).
Doch viele Hebammen haben schon beobachtet, dass es nicht immer einen direkten Zusammenhang zwischen dem Geschehen und dem psychischen Wohlbefinden gibt. Manche Frauen haben interventions- und komplikationsreiche Geburten erlebt, scheinen dies aber sehr gut verarbeiten zu können. Auch das genaue Gegenteil kann auch der Fall sein.
Einen großen Einfluss scheint hier das Mindset der Frau zu haben, welches nun mehr im Fokus der psychologischen Forschung steht (3). Das Mindset kann in diesem Zusammenhang als Konzept von Denkweise oder Einstellung verstanden werden, die Persönlichkeitsmerkmale und sozial-kognitive Prozesse miteinander verbindet. Viele Frauen bewegen sich auf einem Spektrum, dessen Pole die Erwartung an eine vaginale und interventionsarme Geburt und auf der anderen Seite eine medikalisierte Geburt sind (3). In Bezug auf das Mindset bedeutet das, dass eine Mehrzahl von indizierten Interventionen nicht zwangsläufig als „schlecht“ bewertet werden. In der Bewertung der Frau scheinen eher die Erwartungen, das Empfinden von Selbstbestimmung und die Wirksamkeit der eigenen Entscheidungen erheblich zu sein (4).
Wie schätzen Hebammen die Geburt ein
Es existieren keine Analysen oder Forschungsergebnisse zu der Frage, wann Hebammen eine Geburt als positiv bewerten. An dieser Stelle ist jedoch davon auszugehen, dass die Bewertungskriterien der Hebamme auf das Geburtsgeschehen inhärent andere sind. Fachwissen und Erfahrungen setzen die Ereignisse des Geburtsprozess in einen anderen Kontext. Hebammen gestalten den Geburtsprozess durch ihre fachlichen Entscheidungen mit und wägen bei der Entscheidung für Maßnahmen Chancen und Risiken ab. In der Praxis bedeutet dies auch, dass Hebammen die Qualität ihrer Arbeit womöglich an dem messen, was sie zu verhindern versuchten. Ihr Auftrag besteht u.a. darin die Geburt zu überwachen und Komplikationen frühzeitig zu erkennen. Hebammen werden also erst einmal eine Arbeitszufriedenheit empfinden, wenn sie ihrem Anspruch in dieser Hinsicht gerecht geworden sind.
Wie zuvor beschrieben gibt es keine Erkenntnisse zu der positiven Bewertung einer Geburt durch Hebammen. Jedoch finden sich in der Literatur möglicherweise anschlussfähige Erkenntnisse zu der Frage, wann eine Geburt als physiologisch oder “normal” von Hebammen empfunden wird.
So zeigt sich, dass vor dem Hintergrund von Ausbildung, Erfahrung und Prägung es unter Hebammen andere Vorstellungen einer „normalen Geburt“ oder auch dem Einsatz von Interventionen gibt (5). Diese können sich verändern und die Grenze der Normalität kann sich verschieben. Häufig fällt es Hebammen auch schwer eine physiologische Geburt zu beschreiben, ohne dies in einer Abgrenzung vom Gegenteil zu tun (6).
Diese Grundhaltung hat dann wiederum Auswirkungen auf den Betreuungsstil (7). Handelt die Hebamme eher abwartend und unterstützend oder hat sie ein höheres Kontrollbedürfnis und nimmt eine stärkere leitende Rolle ein (7).
Zwei Einschätzungen prallen aufeinander
An dieser Stelle möchten wir die dargelegten Positionen an einem einfachen Beispiel verdeutlichen:
Nach der Geburt ist es zu einer sehr starken Blutung gekommen. Die Hebamme erkennt dies und leitet entsprechende Maßnahmen zur aktiven Leitung der Plazentarperiode ein. Sie informiert die Frau darüber und holt das Einverständnis dafür ein. Nach der Geburt der Plazenta sind keine weiteren Maßnahmen notwendig, da die Blutung sistiert. Der Blutverlust beläuft sich auf 1000ml. Die Hebamme ist rundum zufrieden. Sie hat entsprechend der Leitlinie und internen Standards gehandelt und die Blutung konnte zeitnah gestoppt werden. Zwar ist der Blutverlust nicht unerheblich, in ihrer Karriere hat sie jedoch schon deutlich schlimmere Fälle erlebt.
Szenario 1
Die Frau ist ebenfalls erfreut darüber, wie schnell die Hebamme gehandelt hat. Sie hat großes Vertrauen in der Situation empfunden. Ihre eigene Mutter hatte bei einer Geburt sehr viel Blut verloren und eine Transfusion erhalten. Später erzählt sie ihrer betreuenden Wochenbetthebamme, dass sie es als besonders positiv empfunden hat über die Maßnahmen informiert worden zu sein und fühlte sich aktiv eingebunden.
Szenario 2
Die Handlungen der Hebamme sind identisch. Dieses Mal ist es jedoch eine andere Frau. Sie wusste zwar, dass es zu Blutungen nach der Geburt des Kindes kommen kann. Jedoch hat sie dies als absolute Seltenheit eingeordnet. In ihrem näheren Umfeld hat sie dies noch nie mitbekommen. Zudem hat sie sich immer vorgestellt, dass Komplikationen nicht von jetzt auf gleich auftreten, sondern sich über Stunden ankündigen. Umso überraschter war sie und fühlte sich überrumpelt, nachdem sie eine nach ihrer Vorstellung „normale“ Geburt ihres Kindes erlebt hatte. In der Nachbetreuung kommt das Thema immer wieder auf, die Frau fühlt sich sehr niedergeschlagen und hat das Gefühl ihr Körper sei unfähig zu gebären. Die Wochenbetthebamme versucht zu beleuchten, dass die Frau natürlich keine Schuld trifft und die Hebamme in der Klinik genau richtig gehandelt hat.
Empfehlungen
Ohne weitere Details zu diesem hypothetischen Fall zu erörtern, kann man davon ausgehen, dass alle Beteiligten eine nachvollziehbare Einschätzung der Situation haben. Aber hätte es Möglichkeiten gegeben das Erleben der Frau in Szenario zwei in eine positivere Richtung zu bewegen?
In der Literatur gibt es Empfehlungen, wie Hebammen Erwartungsmanagement betreiben können. So können Vorstellungen mit dem Erwartbaren abgeglichen werden(8):
- Während der Schwangerschaft die Vorstellungen und Erwartungen an die Geburt erheben
- In der Schwangerschaft mögliche Widersprüche mit diesen Vorstellungen antizipieren und besprechen
- In der Schwangerschaft besprechen, wie in den, aus Sicht der Frau zunächst unvorhergesehenen, Situationen kommuniziert und beruhigt werden soll
- Zu Beginn oder während der Geburt sollte die Hebamme (oder ein Mitglied des betreuenden Teams) sich mit den zuvor besprochenen Inhalten vertraut machen
- Realisiert sich eine der antizipierten Szenarien, sollte es eine Nachbesprechung mit mindestens einem Mitglied des geburtshilflichen Teams geben. Hierbei sollte überprüft werden, ob das Geschehene verstanden wurde und Trost gespendet werden
- Beim Auftreten der Szenarien sollte mindestens eine Person aus dem betreuenden Team darauf hinwirken sich wieder den ursprünglichen Vorstellungen anzunähern
Dies ist sicherlich deutlich leichter, wenn es sich um sehr offensichtliche Wiedersprüche handelt. Beispielsweise die Vorstellung einer außerklinischen Geburt bei einer Drillingsschwangerschaft. Unter Umständen bedarf es also Fingerspitzengefühl und Zeit. Insbesondere die letzte Empfehlung kann z.B. in einer Notfallsituation, unmöglich werden.
Viele Frauen besuchen Geburtsvorbereitungskurse und lernen dort die wichtigsten Grundlagen über den Prozess der Geburt. Ergänzend braucht es individuelle Gespräche mit den ambulant betreuenden Hebammen, die vor dem Hintergrund des spezifischen Falls, Fragen beantworten, Prozesse erklären und demonstrieren und Empfehlungen aussprechen.
Unserer Einschätzung nach liefern diese sechs Punkt auch gute Anknüpfungspunkte, die die Kommunikation zwischen den Betreuenden in der Schwangerschaft und dem geburtshilflichen Team vereinfachen kann. Insbesondere die erarbeiteten Ergebnisse, wie in einer unerwarteten Situation kommuniziert und beruhigt werden sollte (Empfehlung drei), sollten für das geburtshilfliche Team nachvollziehbar sein.
Ein wichtiger, aber in diesem Beitrag noch nicht separat aufgeführter, Einflussfaktor ist die Geburtsangst (bis hin zur Tokophobie) (4). Anhand der genannten Empfehlungen sollten diese offensichtlich werden und müssen ernst genommen werden. Aufgrund der Komplexität der Ängste kann es sinnvoll sein, betroffene Frauen in der Schwangerschaft an geschulte Beratungsstellen weiterzuleiten.
Fazit
Dass eine Geburt als positiv empfunden wird, liegt auch daran, ob das Geschehene mit dem Erwarteten übereinstimmt. Die Einschätzung, ob etwas erwartet wird (Frau) oder erwartbar war bzw. wie schwer eine Komplikation war (Hebamme), hängt stark von der Person und ihren Erfahrungen und Prägungen ab.
Es ist wichtig sich den eigenen Vorstellungen bewusst zu werden und die Erwartungen der Gebärenden zu kennen.
Die vorgestellten Empfehlungen können eine Hilfestellung sein, um aktiv das positive Erleben von Geburten, auch wenn sie nicht den ursprünglichen Erwartungen entsprachen, zu begünstigen.
Quellen:
1. DHV. Eine Ethik für Hebammen 2024.
2. Seefeld L, Weise V, Kopp M, Knappe S, Garthus-Niegel S. Birth Experience Mediates the Asociation Between Fear of Childbirth and Mother-Child-Bonding Up to 14 Months Postpartum: Findings from the Prospective Cohort Study DREAM. Frontiers in Psychiatry 2022;12.
3. Hoffmann L, Hilger N, Banse R. The mindset of birth predicts birth outcomes: Evidence from a prospective longitudinal study European Journal of Social Psychology 2023.
4. Märthersheimer S, Hagenbeck C, Helbig M, Balan P, Fehm T, Schaal NK. A longitudinal study of the subjective birth experience and the relationship to mental health BMC Pregnancy and Childbirth. 2025.
5. Shorey S, Ng ED. Midwives' perception of and experences with normal physiologic birth: A qualitative systematic review. Birth 2021;50:749–63.
6. Henshall BI, Grimes HA, Davis J, East CE. What is 'physiological birth'? A scoping review of the perspectives of women and care providers Midwifery 2024;132.
7. Zondag LDC, Mass VYF, Beuckens A, Nieuwenhuijze MJ. Experiences, Beliefs, and Values Infuencing Midwives' Attitudes Toward the Use of Childbirth Interventions Journal of Midwifery & Women's Health. 2022;67:618–25.
8. Lawal T, Dodge LE, Toffey D, Zera C, Wu M, Larson E. Facilitating positive birth experience when preferences are not met: A qualitative analysis. Birth 2023;51:275–83.

